Eine Story über unsere inneren Schutzräume, offene Herzen und Selbstachtung
Frieda sehnte sich nach einem Ort, an dem sie ganz bei sich sein konnte.
Eines Tages entdeckte sie bei einem Spaziergang durch den Wald einen kleinen See. Am Ufer stand eine alte Trauerweide, deren lange Zweige wie ein grüner Vorhang bis ins Wasser reichten. Als Frieda neugierig durch das dichte Blätterwerk trat, fand sie dahinter einen kleinen, geschützten Zwischenraum – verborgen vor der Welt, still und friedlich. Es war, als hätte dieser Ort auf sie gewartet.
Von da an wurde die Weide ihr Rückzugsort. Hier verbrachte Frieda ganze Nachmittage allein. Sie zeichnete, lauschte dem Gesang der Vögel und genoss ihren neu entdeckten Frieden. Der Platz schenkte ihr Ruhe und neue Kraft für ihren Alltag.
Manchmal nahm sie Menschen mit dorthin, denen sie vertraute. So auch Maike. Frieda hatte sie beim Tanzen in der Stadt kennengelernt. Zwischen ihnen entstand schnell eine lebendige Verbindung. Maike war voller Energie, voller Ideen, und Frieda fühlte sich von ihrer Offenheit angezogen. Es schien nur natürlich, ihren besonderen Ort mit ihr zu teilen.
Und Maike liebte ihn sofort. Gemeinsam saßen sie unter dem schützenden Blätterdach, redeten über ihre Freundschaft, tanzten barfuß am Seeufer oder schmiedeten Pläne für kommende Abenteuer.
Doch nach und nach begann Maike, den Ort immer stärker nach ihren Vorstellungen zu formen. Sie brachte Dinge mit, rückte Steine um, veränderte den Eingang und machte Vorschläge, wie alles „noch besser“ werden könnte.
Frieda ließ es geschehen. Sie redete sich ein, dass es nur Ausdruck von Maikes Lebendigkeit sei. Doch mit der Zeit veränderte sich etwas. Maike bestimmte plötzlich, wann sie kamen und was sie dort taten. Ihre Stimme wurde lauter, ihr Ton schärfer. Frieda fühlte sich immer kleiner an „ihrem“ Lieblingsplatz.
Schließlich fasste sie sich ein Herz und sprach Maike darauf an: „Du hast vergessen, dass du hier mein Gast bist“, sagte Frieda ruhig. „Ich habe diesen Ort mit dir geteilt, weil ich dich gernhabe. Aber inzwischen fühlt es sich an, als würdest du mich aus meinem eigenen Raum verdrängen. Ich wünsche mir, dass wir wieder achtsam miteinander umgehen.“
Maike nickte nur. Doch es änderte sich nichts.
Einige Tage später kam Frieda allein zur Weide zurück. Schon von Weitem blieb sie wie angewurzelt stehen. Vor dem Eingang hing ein großes Schild.
Maikes Chillout-Zone
Darunter standen fein säuberlich Regeln für Besucher.
In Frieda wurde wütend. Noch am selben Abend schrieb sie Maike einen Brief und forderte sie auf, den Platz freizugeben und sich einen eigenen Ort zu suchen.
Zwei Tage später kehrte Frieda zurück. Doch diesmal traf sie der Schock. Ihr Rückzugsort war zerstört. Steine lagen verstreut im Schlamm, Sitzplätze waren umgeworfen, und selbst der grüne Blättervorhang der Weide war an vielen Stellen heruntergerissen. Wie ein verwundetes Herz lag der Ort vor ihr.
Da trat Maike hinter einem Baum hervor. Mit kalter Stimme sagte sie: „Entweder du bist für mich oder gegen mich.“
Frieda sah sie lange an. Dann antwortete sie leise: „Du hast mir gerade gezeigt, was geschieht, wenn ich jemandem zu viel Raum gebe und mich selbst dabei vergesse.“
Maike blinzelte irritiert. „Ich wollte doch nur auch einmal etwas für mich.“ Frieda nickte traurig.„Und nun haben wir beide etwas Wertvolles verloren.“ Das war das letzte Mal, dass Frieda Maike sah.
Lange trauerte sie um ihren Ort. Doch eines verstand sie nun klarer als je zuvor:
Nicht jeder Mensch, dem man das Herz öffnet, geht sorgsam mit dem um, was man ihm anvertraut. Und nicht jeder Raum ist dafür gemacht, geteilt zu werden.
Als Frieda sich eines Tages aufmachte, eine neue Oase für ihre sich zu finden, wusste sie:
Dieser nächste Ort würde allein ihr gehören. Nicht aus Angst.
Sondern aus Achtung vor sich selbst. Und das war Frieda sich wert.
Affirmation: Ich bin es mir wert.
