Wem nimmst du Raum? Wem gibst du Raum?

Titelbild wem nimmst du Raum, wem gibst du raum

Frieda arbeitete in einer Kinderbibliothek und liebte ihre Arbeit von Herzen. Es erfüllte sie, Kindern die Welt der Bücher näherzubringen, Geschichten lebendig werden zu lassen und besondere Veranstaltungen wie den „Tag der Lesemäuse“ zu organisieren. Oft saß sie bis spät in die Nacht über neuen Ideen und Konzepten.

Wenn es zusätzliche Aufgaben gab, war Frieda meist die Erste, die sich meldete. Anfangs wurde ihr Engagement bewundert.

Doch mit der Zeit entstand daraus ein unbewusster Automatismus. Neue Projekte landeten fast selbstverständlich bei ihr. Ihre Kollegen hatten längst aufgehört, sich überhaupt noch darum zu bemühen.

Doch sie glaubte, damit allen zu helfen.

Eines Tages bat ihr Kollege Ferin sie, ihn beim Aufbau eines Ferienprogramms zu unterstützen. Natürlich sagte Frieda sofort zu.

Gemeinsam gingen sie in den nahegelegenen Wald, wo ein Naturprojekt für Kinder entstehen sollte. Als sie an einer alten, mächtigen Eiche ankamen, lagen dort bereits Decken und Kisten voller Baumaterialien für Spielgeräte. Frieda sah sich neugierig um. „Was soll ich tun?“, fragte sie lächelnd.

Da veränderte sich Ferins Gesicht. Sein Blick wurde hart. „Du hast schon genug getan“, sagte er mit schneidender Stimme. Noch bevor Frieda begriff, was geschah, packte er sie, zog ein Seil hervor und band sie geschickt an den Stamm der Eiche. Als er fertig war, trat er einen Schritt zurück, atmete schwer und rannte davon. „Warum tust du das?“, rief Frieda ihm entsetzt hinterher.

Doch Ferin antwortete nicht.

Verzweifelt versuchte Frieda, sich zu befreien. Doch je mehr sie sich wand, desto enger schienen die Fesseln zu werden. Wütend und verletzt kreisten ihre Gedanken. Wie konnte Ferin nur so grausam sein? Hatte sie nicht immer alles gegeben – für die Kinder, für das Team, für alle?

Irgendwann wurde sie still. Die Wellen ihrer Gedanken ebbten ab.

Als endlich Ruhe in ihr einkehrte, hörte sie plötzlich eine Stimme über sich. Auf einem Ast saß eine Eule. „Es war nicht richtig, dass Ferin dich gefesselt hat“, sagte sie ruhig. „Doch bedenke: Zu seinem Leid hast du selbst beigetragen.“

Frieda blickte verwundert hinauf. „Wie meinst du das?“ Die Eule blinzelte langsam. „Viele Nächte saß Ferin unter diesem Baum und sprach mit mir. Immer wieder erzählte er mir, wie gern er einmal selbst Verantwortung für ein Projekt übernehmen wollte. Doch jedes Mal schien längst entschieden, dass du es tun würdest.“

Frieda runzelte die Stirn. „Aber ich wollte doch nur helfen. Die anderen hatten schon so viel zu tun. Oft hörte ich sie über neue Aufgaben klagen. Also meldete ich mich.“

Die Eule neigte den Kopf. „Und dabei hast du übersehen, dass nicht jeder unter der Last ächzte. Manche sehnten sich nach einer Aufgabe, an der sie wachsen konnten.“

Frieda schwieg. Langsam sanken die Worte in sie hinein. Zum ersten Mal betrachtete sie ihr Handeln aus einem anderen Blickwinkel. Vielleicht war ihr ständiges Ja nicht nur Hilfe gewesen? Vielleicht hatte es anderen auch Raum genommen?

„Danke für deine Weisheit“, sagte Frieda leise.

In dieser Nacht schlief sie unruhig unter der Eiche. Als sie am Morgen erwachte, lag sie frei auf einer Decke. Die Seile waren verschwunden.

Instinktiv wusste Frieda, dass sie sich mit Ferin aussprechen musste. Sie trafen sich in einem kleinen Café. Bei Kuchen und heißem Kaffee sah Frieda ihm offen in die Augen.

„Es war nicht in Ordnung, mich dort zurückzulassen“, sagte sie ruhig. „Aber ich verstehe jetzt besser, was dich dazu gebracht hat.“

Ferin nickte beschämt.

Zum ersten Mal sprachen sie ehrlich miteinander. Frieda erkannte, dass Hilfsbereitschaft auch Grenzen braucht. Und dass ein ständiges Ja manchmal verhindert, dass andere ihren eigenen Platz finden.

Von diesem Tag an nahm sie nicht mehr jede Aufgabe an. Manchmal sagte sie jetzt Nein.

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