Wem gibst du deinen Fisch?

Titelbild Kurzgeschichte Wem gibst du deinen Fisch

Jeden Morgen fuhr Frieda mit ihrem kleinen Boot hinaus auf das offene Meer. Sie liebte die frühen Stunden des Tages, wenn der Wind sein Lied über die Wellen trug und die Wolken wie weiße Segel am Himmel dahinzogen. Dann sang sie mit dem Wind und gab den Wolken heilsame Gedanken für die Welt mit auf den Weg.

Eines Morgens erschien eine Möwe über ihrem Boot. Sie kreiste einige Male über Frieda und rief schließlich:

„Von nun an solltest du mir jeden Tag einen frischen Fisch mitbringen! Dann werde ich dein Freund und Gefährte sein und dich vor den Gefahren des Meeres beschützen!“

Frieda lächelte gelassen.

„Vielen Dank“, antwortete sie. „Doch das Meer ist mein Zuhause. Ich kenne seine Strömungen, seine Stürme und seine Stille. Deinen Schutz brauche ich daher nicht.“

Die Möwe flog grimmig davon.

Am nächsten Morgen brachte Frieda keinen Fisch mit. Da wurde die Möwe zornig. Mit schrillen Schreien stürzte sie herab und begann nach Friedas Kopf zu picken. Tag für Tag kehrte sie zurück.

Alsbald war Friedas Kopf von kleinen Wunden übersät, die schmerzten und kaum Zeit zum Heilen fanden. Die Angriffe raubten ihr Kraft und Konzentration. Immer seltener sang sie mit dem Wind, immer seltener sprach sie mit den Wolken.

Schließlich gab sie auf.

Von da an bekam die Möwe jeden Morgen einen leckeren Fisch.

Sofort hörten die Angriffe auf. „Siehst du?“, frohlockte die Möwe zufrieden. „Ich habe es dir doch gesagt. Bringst du mir Fisch, stehst du unter meinem Schutz.“ Und tatsächlich hielt die Möwe Wort. Sie flog stets in der Nähe des Bootes. Kam ein anderes Schiff vorbei, kreischte sie lautstark und attackierte dessen Besatzung, bis diese lieber Abstand hielt.

Doch Frieda fühlte sich nicht beschützt. Sie fühlte sich gefangen.

Jeden Tag musste sie an die Forderungen der Möwe denken. Für ihre Gesänge und ihre Gespräche mit den Wolken fehlte ihr einfach die Kraft. Schließlich verschwand die Freude an ihren Fahrten.

Da tauchte neben dem Boot eine Schlange aus dem Wasser auf. Ihr schimmernder Körper glänzte im Sonnenlicht. Eine Weile betrachtete sie Frieda schweigend, bevor sie sprach: „Ich beobachte dich schon lange. Die Möwe hat dich fest in ihren Klauen. Du musst etwas verändern, wenn du frei sein willst.“

Frieda seufzte. „Danke für deinen Rat, werte Schlange. Doch alles, was ich versucht habe, machte die Möwe nur noch aggressiver. Was soll ich tun?“

Die Schlange legte ihren Kopf behutsam in Friedas Hand.

„Du nährst die Möwe mit deiner Angst vor ihr. Dadurch gibst du ihr Macht. Richte deinen Blick nicht länger auf die Möwe, sondern auf die Furcht in deinem Inneren. Wenn du dich diesem Teil in die stellst, wirst du stärker werden und erkennen, was zu tun ist.“

Mit diesen Worten glitt die Schlange zurück in die Tiefe des Meeres. Lange dachte Frieda über ihre Worte nach. Konnte sie der Schlange vertrauen?

Da erfasste plötzlich ein mächtiger Windstoß ihr Boot. Das Meer bäumte sich auf, und beinahe wäre sie über Bord gegangen. Mit aller Kraft krallte sie sich fest.

In diesem Augenblick hörte sie unter dem Heulen des Windes etwas anderes: die Melodie ihres eigenen Herzens.

Und plötzlich wusste sie, was zu tun war.

Am darauffolgenden Freitag fuhr Frieda erneut hinaus – ohne Fisch. Die Möwe bemerkte es sofort. Mit ausgebreiteten Flügeln schoss sie heran, bereit für ihren Angriff.

Doch diesmal duckte sich Frieda nicht. Als die Möwe dicht über ihrem Kopf entlangflog, griff sie entschlossen zu. Einen Atemzug später, hielt sie den Vogel fest in ihren Händen.

Die Möwe flatterte wild.

Frieda jedoch ließ nicht los.

Kopf an Kopf. Auge in Auge. Lange blickten sie einander an.

Das Meer wurde still. Der Wind schwieg. Schließlich ließ Frieda die Möwe unversehrt frei. Mit klarer Stimme sagte sie:

„Von heute an fängst du deinen Fisch selbst. Ich gehe meinen Aufgaben nach, und du den deinen. Wenn du als Freund kommen möchtest, bist du willkommen. Doch wenn deine Absichten finster sind, bleibe fern.“

Die Möwe starrte sie einen Moment lang an. Dann breitete sie ihre Flügel aus und flog hastig davon. Es kehrte Frieden auf Friedas Boot zurück.

Die Schlange erschien noch einige Male. Oft lag sie einfach in der Sonne. Manchmal rollte sie sich sogar auf Friedas Kopf zusammen, als wäre dieser der bequemste Platz der Welt.

Und Frieda? Sie sang wieder mit dem Wind und schenkte den Wolken unbeirrbar heilsame Gedanken für die Welt.

Tiefe Ruhe wohnte in ihrer Brust, und die Freude am Leben kehrte zurück.

Gelegentlich besuchte die Möwe sie noch. Dann grüßte sie Frieda, flog ein Stück des Weges neben dem Boot her und maß sich mit den Wellen im Wettlauf. Doch sobald irgendwo der Duft eines frischen Fisches in der Luft lag, zog sie lachend ihrer eigenen Wege.

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